The Carolingian – culture, arts, æsthetics



Das Liebste Spielzeug: Leben und Sterben mit Krebs


Das Liebe Spielzeug
Krebs ist eine der Krankheiten, die uns am meisten an die Fragilität der Existenz erinnern. Welche Auswirkungen hat das für die Suche nach Sinn und Erfüllung? Bild: Mitosis and Meiosis, Pixabay.




2022 I


Das Liebste Spielzeug: Leben und Sterben mit Krebs

Ich bin ein Kind der 1970er Jahre und erinnere mich an eine Unschuld, wie sie eigentlich für jede Kindheit gelten sollte. Markus Jäger


A Catch Too Far: Senegal’s Cultures in Times of Overfishing

There is clearly no way of knowing, but doesn’t it seem likely that early Sapiens caught his very first fish with his own two hands? Heiner Thiessen


Der Arzt seiner Ehre: Liebe und Ehre in Calderóns Werk

Some years ago, being engaged on writing a book about Spain in the Golden Age, I had occasion to read again the plays of Calderón. Christoph Wurm


Dum Bellum Gentes Vastat, Pauca De Libertate Servanda

Quattuor annos abhinc de senatu gentium scripsi. sententia mihi eadem est: copia populorum nequit pacem diu gerere. Gregorius Advena


The Carolingian 2021: Articles and Essays

The contributions from the last year are still available. This is a good chance to read them if you haven’t yet. The Carolingian








Folium II, 2022 I





Das Liebste Spielzeug

LEBEN UND STERBEN MIT KREBS

Markus Jäger


Das Liebste Spielzeug

LITERATURE



Ich bin ein Kind der 1970er Jahre und erinnere mich an eine Unschuld, wie sie eigentlich für jede Kindheit gelten sollte. Mit dieser Unschuld war es Ende der 1980er Jahre vorbei, als meine Großmutter mit Krebs diagnostiziert wurde. Mein aufgrund seines Lebensstils erkrankter Großvater, ein Tiroler Klischee-Bauern-Patriarch der ersten Stunde, lag im Krankenhaus und meine Großmutter erfüllte ihre Pflicht und stellte sein Wohlbefinden über alles. Als sie in dieser Zeit einen Knoten in ihrer Brust entdeckte, nutzte unser aller Flehen nichts. Bedeutsam war für sie nur eines: „Zuerst ist wichtig, dass Vater gesund wird!“ Daraufhin erkrankte sie an Brustkrebs. Dieser hat sich im Laufe der darauffolgenden Jahre zu einer Knochenkrebserkrankung weiterentwickelt. Das bedeutete, dass die meisten ihrer großen Knochen in



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qualvollen Operationen ausgetauscht werden mussten. Unterschenkel, Oberschenkel, Hüfte, Unterarme, Oberarme, Schultern. Schritt für Schritt nahm der Krebs immer mehr von ihrem Körper Besitz.

Es gibt Momente, da höre und spüre ich in Gedanken noch heute das Knirschen meiner Schuhe auf dem Streusalz im Schneematsch, als ich den winterlichen Dorfweg Richtung Haus gehe. Ich komme von einem Spaziergang. Plötzlich sehe ich den Rettungswagen vor dem Haus. Ich beginne zu laufen. Die panische Erkenntnis, dass etwas nicht stimmt und man noch nicht weiß, was genau passiert ist, wird einmal mehr zur Begegnung mit einem Gespenst. Eine seltsame Stille prägt diese Form der Panik. In meinem Denken bläht sich die Frage auf: Was wird mir dieser



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nächste Moment gleich offerieren? Die Frage platzt wie ein Blutgefäß in meinem Kopf mit der Information meiner Tante, die mir vor dem Haus außer sich entgegenspringt und berichtet.

Meine Großmutter, die auf ihren Krücken gerade noch ein paar Schritte zu schlurfen vermochte, war unter der Dusche gestanden. Ihre Schwiegertochter hatte ihr wie üblich beim Duschen geholfen. Als sie ängstlich versucht hatte herauszutreten, wollte meine Großmutter sich in der Hand meiner Tante abstützen. Diese hatte ihr die Hand offen hingehalten, sodass sie beim Verlassen der Dusche nicht das Gleichgewicht verlieren und stürzen würde. Das sanfte Auflegen ihres Ellbogens auf der Handfläche meiner Tante hatte gereicht, um den gesamten Unterarmknochen und den Oberarm bis hinauf zur Schulter an zahllosen Stellen brechen zu lassen.



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Meine Großmutter war in diesem vier Jahre andauernden Kampf immer ein Ausbund an stoischem Glauben gewesen. Glauben an ihren Gott, an ihr Schicksal, an den Sinn hinter ihren Schmerzen. Sie hatte jede Operation und die dazugehörigen Qualen ohne Wehklagen über sich ergehen lassen. Wenn ihre Knochen von den Metastasen brüchig geworden waren, in Stücke brachen und in riskanten Operationen ausgetauscht werden mussten. Knochen für Knochen. Diesmal war der Bruch so katastrophal, dass sogar meine Großmutter weinte.

Als ich ins Haus stürme, wird sie gerade hinausgetragen. Sie sitzt auf der Bahre und hält ihren Arm wie ein Kind, dessen liebstes Spielzeug von einem bösen Erwachsenen mutwillig zerstört worden war. Hier sitzt eine tiefreligiöse Frau,



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die sich Zeit ihres Lebens immer an alle Gebote ihrer Religion gehalten hatte. Die den Aufgaben jener Rolle, die andere ihr aufoktroyiert hatten, immer nachgekommen war. Pflichtbewusst. Demütig. Als Ehefrau. Als Mutter. Als Großmutter. Die Bühne als eine bäuerliche Existenz, die vor unseren Augen zerfällt. Ein Leben, das zerbröselt. So wie ihre Knochen. Wir erstarren wie Salzsäulen und wissen alle, dass das Stück bald enden wird.

Einer meiner Onkel versucht die Stille der Familie zu durchstoßen, die im Hausgang aufgereiht steht. „Mutter, was machst du für Sachen?“ Sie blickt beschämt zu Boden. Weil so ein Aufheben um sie gemacht wird und wimmert: „Der Herrgott wird schon wissen, was er tut.“ Diese Worte werden zu einer Tätowierung in meinem Hirn und haben



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meine Persönlichkeitsentwicklung bis zum heutigen Tag maßgeblich beeinflusst. Denn ein „Herrgott, der schon wusste, was er tat“, indem er DAS tat, war für mein jugendliches Ego kein „einzig wahrer Gott“, sondern schlicht nichts anderes als ein einzig wahres Arschloch. Eine Einschätzung, die ich seither erfolglos versucht habe zu überwinden.

Ich erinnere mich auch an das Röcheln meiner Großmutter am Vorabend ihres Todes, kurz vor ihrem 64. Geburtstag, als sie mir auf dem Krankenbett in der dämmrigen Bauernstube ihr fahles Gesicht und ihre großen geweiteten schwarzen Augen zuwandte und mir versucht hatte, noch etwas zu sagen. Ich konnte es nicht verstehen. Und würde es bis zum heutigen Tag gern verstehen. Es kostete mein



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jugendliches Ich einiges an Energie, um diese Eindrücke in irgendeiner Form in mein Fühlen zu integrieren. Der Grund dafür war – auch im Nachhinein betrachtet – nicht die Wirklichkeit des Todes eines Menschen, der einem etwas bedeutet bzw. die Tatsache, dass jedes Leben endet. Was mich beschäftigte, war vielmehr das „Wie“, das Sterben als Prozess ohne Gerechtigkeit. Denn nur die Willkür lässt die schlimmsten Verbrecher hochbetagt und friedlich einschlafen und gerechte Menschen viele Jahre vor ihrer Zeit unter großen Qualen nicht einfach nur sterben. Das Wort „sterben“ wird dabei nämlich zum Euphemismus. Denn aufgrund der Tatsache, dass jeder Mensch stirbt, „stirbt“ meine Großmutter durch die Verwendung dieses Wortes wie jeder andere. Was nicht stimmt. Manche Menschen



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sterben. Viele Menschen verenden, verfallen und verfaulen. In meinem Gedicht „Zeit im Sand V“ fasste ich meine Eindrücke von damals zusammen.

Wenn ein Mensch an unheilbarem Krebs leidet, glaubt man ab einem gewissen Punkt gern, dass der Tod eine Befreiung für ihn sei. Wie Regen nach zu langer Dürre. Doch dieser Regen bringt auch Schlamm, und zwar die Art wie ein Mensch stirbt. Daran ändert auch die mutmaßliche



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Befreiung durch den Tod nichts. Höchstens noch der Umgang mit unseren Erinnerungen an diesen Menschen wird zu einer Möglichkeit, sich der Schlammlawine entgegenzustellen. Dieses Schlammbad ist dann auch vollkommen unabhängig vom Alter des Verstorbenen. Wie auch das Buch „Nach mir das Leben“ (Bastei Lübbe, 2014) von Kristian Gidlund erzählt, in dem er sich in seinem eigenen Sterbeprozess selbst zu einer Erinnerung verarbeitet.

Kristian Gidlund war ein junger Mann aus Schweden. 2011 erhält er die Diagnose Magenkrebs. Er ist 27 Jahre alt. Von der Diagnose bis zum Tod sollten zwei Jahre vergehen. In seinem Buch erzählt er von seinem Sterben und ermöglicht dadurch einen Einblick in die Wirklichkeit des Leidens,



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jener universellen menschlichen Realität, vor der sich Intellekt und Statistik in all ihrer Rückgratlosigkeit immer noch fürchten. Seine erste große Krebs-Operation erlebt er als Trauma für sein Zeitgefühl: „Mein Zeitgefühl ist schwer misshandelt worden und wird wahrscheinlich nicht überleben. Tage und Nächte sind zu einem Brei aus Schmerz, Schweiß und zerknülltem Bettzeug zusammengeflossen. Fieberträume, Sehnsucht und Erschöpfung“ (Gidlund, S. 79). Das Zeitgefühl wird zu einer Brücke. Einer Brücke unter Angriff. Die Verbindung zum Leben wird bombardiert. Es scheint durchaus logisch zu sein, dass ein junger Mann, der unter körperlichen Qualen zu erkennen beginnt, wie seine Brücke zum Leben unter diesen Angriffen bröckelt, von Wut gepackt wird. Wenn man mit 27 Jahren begreift, dass das eigene junge Leben unter großen Schmerzen dem Verfall preisgegeben wird.



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Die gern gehegte Hypothese, dass Krebs eine Krankheit des Älterwerdens ist, lässt sich statistisch durchaus verifizieren. Dennoch hat ein junger Mensch, der in dieser Statistik nicht aufscheint, der von Statistikern ignoriert wird, der keine Zahl in einer Beruhigungsrechnung ist, das Recht auf seine Wut im Konflikt mit seiner Krankheit. Er konfrontiert seinen Krebs mit folgenden Worten: „Wenn du ein Mensch wärst, würde ich mich bewaffnen. Ich würde dir den Revolver in die Fresse zwingen. Ich würde es lieben, den Abzug zu drücken. Nicht nur einmal oder zweimal, nein, ich würde die Trommel leermachen und es nicht ein einziges Mal bereuen“ (Gidlund, S. 98).

Einen derart gewaltsamen Konflikt mit einem Gegner zu fantasieren, dessen Ziel die möglichst qualvolle Auslöschung des eigenen Lebens ist, wird jenen,



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die allzu betont ihre eigene Vernunft propagieren, nicht nachvollziehbar erscheinen. Was aber nichts an der Tatsache ändert, dass ein Mensch, der gerade sein Ende zu begreifen beginnt, ein anderes, ein größeres Bewusstsein für die Zeit bekommt. Die Zeit, die ihm nicht mehr bleibt. Die Zeit, die vor den eigenen Augen, im eigenen Körper verloren geht. Verflüssigt und zum Abfluss fließend. Und all die zahlreichen kleinen und großen Wünsche für die eigene Zukunft landen im Gully einer nur allzu verständlichen Wut. Wut führt zu nichts, heißt es oft. Diese inzwischen zum Allgemeinplatz gewordene Alltagsphilosophie erkennt in Wut immer einzig etwas Böses. Weshalb man wütenden Menschen ihre Wut auch immer wieder verbieten möchte. Einem Menschen, der in so jungen Jahren an Krebs stirbt,



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während seinem schmerzvollen Sterbeprozess überhaupt etwas verbieten zu wollen, erscheint mir in gleichem Maße vermessen wie auch dumm. Weil man in diesem Fall mit einem solchen Versuch nur seine Erleichterung kundtut, dass dieses Schicksal jemanden anderen trifft und nicht einen selbst. Und weil man glaubt, mit seiner eigenen moralischen Selbsterhöhung würde man erfolgreich ein Mäntelchen des Schweigens über diese Tatsache werfen.

Zu dieser Konklusion kam ich aufgrund meiner eigenen Wut. Als Zaungast einer weiteren Tragödie. Ich erinnere mich an meine Zeit, die ich in einer Wohngemeinschaft gelebt habe. Als wir uns zu fünft den abnormal wachsenden Wohnkosten in unserer Stadt stellten. Mit Freundschaft, wunderbaren Gesprächen und zahlreichen Abenden auf



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unserem Balkon, der einen Blick auf einen großen Baum in einem bukolischen Innenhof bot. Eine meiner Mitbewohnerinnen hatte eine beste Freundin. Eine 25-jährige junge Frau, die sich gerade gegen die Verflüssigung ihrer Zeit zu stellen versuchte. Ihre Leukämie war inzwischen schon weit fortgeschritten. Sie besuchte uns eines Abends. Ich freute mich sie kennenzulernen und versuchte mich mit möglichst glaubwürdiger Gelassenheit mit ihr zu unterhalten. Dass sie das Opfer einer tödlichen Krankheit war, hatten ihr andere sicher oft genug verdeutlicht. Als ob sie das nicht selbst wüsste, dachte ich bei mir. Das unnatürlich reine Schwarz ihrer Perücke, ihr kraftvoller Lippenstift, der von ihren kraftlosen Zügen ablenken sollte, und die weiße Haut ihres stark geschminkten Gesichtes erinnerten mich an ein misslungen koloriertes Buchcover einer Märchensammlung.



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Sie saß wie ein verhindertes Schneewittchen zusammen mit ihrer besten Freundin am wackeligen Holztisch in unserer WG-Küche und ich verhielt mich wie immer, wenn ich diese Küche betrat. Ich grüßte, warf meine Tasche auf einen leeren Stuhl und seufzte genervt über schwierige Kundschaften im Büro. Mit der einen oder anderen humorigen Bemerkung. Denn wer ständig Witze machte, konnte zumindest versuchen, sich heimlich am Ernst des Lebens vorbei zu schleichen. Dabei machte ich mir eine Tasse Wasser heiß, um meinen billigen Cappuccino zuzubereiten. Der in Sachen Kaffee so glaubwürdig war wie mein Versuch zu verdrängen, dass hier eine todkranke junge Frau von 25 Jahren am Tisch saß.

Es sollten nur wenige weitere Wochen vergehen, bis Mutter und Schwester dieses Schneewittchens bei uns übernachteten. Weil die Prinzessin den giftigen Apfel



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nicht mehr ausspuckte. Weil kein Prinz kam und sie rettete. Weil ihr ausgemergelter Körper im Krankenhaus lag, an Schläuche gehängt. Als ob dieses schmerzgepeinigte junge Leben zu einem Teil einer Maschine gemacht werden sollte. Die Mutter von Schneewittchen saß weinend neben mir. Irgendwann lehnte sie ihren Kopf an meine Schulter und wimmerte unter verzweifelten Schluchzern über den dunklen Innenhof: „Ich will nicht, dass sie geht!“ Ich hatte nur diese Schulter und meine Stille. Wir alle waren still. Und weinten. Vor Schmerz über den Verlust der besten Freundin. Vor Kummer über den nahenden Tod der Schwester. Vor Grauen, weil das eigene Kind jahrelang solche Qualen erdulden musste. Und vor Wut.

Ich erinnere mich an meine Wut. Die ich nur mühsam verstecken konnte. Zumal ich einer verzweifelt weinenden Mutter an meiner Schulter nicht auch noch meine Wut



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aufbürden wollte. Ich schluckte meine Wut hinunter und schwieg wie die anderen am Tisch. Wir sagten nichts. Denn es gab nichts zu sagen. Das einzig Sinnvolle, das wir tun konnten, taten wir. Wir weinten. Damit eine Mutter beim Weinen nicht alleine blieb. Während das Leben ihrer Tochter gerade verfiel und niemand etwas dagegen unternehmen konnte. Und während immer noch selbst ernannte Lebensphilosophen so taten, als ob das Leiden irgendeinen nachvollziehbaren Sinn hätte. Als ob die Verwundbarkeit des Lebens immer nur die anderen beträfe. Während wir vor dieser Verwundbarkeit so gleich sind wie vor unserer Naivität, wenn wir allzu oft glauben im Recht zu sein. Denn um Recht behalten geht es auch, wenn wir vor Menschen mit Krebs mit unseren altklugen Ratschlägen über Lebensgewohnheiten und Schuld aufwarten, nur um unsere eigene Furcht vor einer Krankheit zu verdrängen.



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Krebs ist eine somatische Erkrankung, die durch Zellveränderungen zur Entartung von Gewebe führt. Vor dem Hintergrund dieser wertfreien Wirklichkeit ist es wichtig, unsere Lebensgewohnheiten zu hinterfragen. Wenn wir aber glauben, dass wir nur unsere Lebensgewohnheiten perfektionieren müssen und deshalb immer vor Krebs geschützt sind, ist dies ein Ausdruck großer Einfalt. Besonders schmerzlich wird diese Art der Naivität, wenn Krebs als psychosomatische Krankheit in die unterste Schublade zwangsneurotischer Verdrängung gestopft wird. Auch Onkologinnen und Onkologen werden nicht müde zu betonen, dass Krebs keine psychosomatische Erkrankung ist. Wer unter Stress steht, einsam ist, unter Depressionen leidet, keinen erotischen Sixpack als Bauch vorzuzeigen



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vermag und keine Freude am Sex hat oder sonst in irgendeiner Form nicht dem gerade modernen Selbstideal der Perfektion entspricht, hat kein größeres oder kleineres Risiko an Krebs zu erkranken wie all jene stressfreien, glücklichen, sexuell befriedigten Menschen mit all ihren steinharten Muskelbäuchen, die der Welt wieder und wieder auf allen Kanälen ungefragt kundtun, wie perfekt sie doch seien.

Die Vermeidung von Stress ist wichtig für unser Wohlbefinden. Das wir besonders dann brauchen, wenn wir uns mit einer Krebserkrankung auseinandersetzen müssen. Die Überwindung von Depressionen ist eine Herausforderung, die viel zu wichtig ist, als dass wir das Leben depressiver Menschen ständig als Pseudo-Argument fadenscheiniger und rückgratloser Biertischdiskussionen



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instrumentalisieren sollten. Unsere Freude am Leben sollten wir immer und überall zu unser aller Ziel machen. Unabhängig welche sexuellen, modischen und sonstigen Trends gerade von welchen Influencern auch immer als einzig wahres Lebensglück propagiert werden.

Wir sehen etwa in den Profilen Sozialer Netzwerke lauter mehr oder weniger gekonnte Auftritte. Performances, die das Leben zu einer Show degradieren. Das Internet ist eine Bühne. Nicht mehr und nicht weniger. Die Wirklichkeit bleibt etwas Anderes. All die superschlanken Instagram Damen mit ihren Schmollmündern und die muskulösen Herren oben ohne mit ihren perfekt geformten Hipster-Bärten und ihren gefilterten Fotos von ihren Reisen an exotische Orte, all die vielen nach Aufmerksamkeit



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darbenden Möchtegern-Super-Models, die uns von ihren arglosen, mühelosen und inhaltslosen Leben erzählen, motivieren uns letztlich auch zur ultimativen Verdrängung. Denn wer nicht perfekt aussieht und sich nicht perfekt fühlt, hat die Aufmerksamkeit nicht verdient. Und da wir so beschäftigt sind, gleichermaßen perfekt sein zu wollen, glauben wir, unsere vollendeten Körper würden uns in Sicherheit wiegen und unser makellos weißes Instagram-Lächeln würde uns schützen. Wir glauben, wir könnten unser aller Wirklichkeit irgendwie in die Flucht grinsen. Doch die Wirklichkeit lacht lauter. So wie auch bei meinem Onkel.

In den Jahren nach den letzten Worten meiner Großmutter, die ich nicht mehr hatte verstehen können, war der emotionale Wellengang in meiner Familie nur langsam



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abgeflaut. Während wir mit der Verarbeitung dieses Traumas beschäftigt waren, versuchte ich halbwegs aufrecht endlich mein lang verdrängtes Coming Out zu vollziehen. Im Angesicht der Tragödie war es eine zu große Herausforderung für mich gewesen, meinen Eltern mit dem Selbstbewusstsein eines Kabarettisten zu sagen: „Das mag nun alles tragisch sein, aber einen habe ich noch! Ihr habt auch einen schwulen Sohn!“ Also hat mich die Entfaltung meiner Identität ein paar zusätzliche Jahre gekostet, ich habe diesen Preis bezahlt und bin im Zuge meiner Zeit als Student langsam und mühsam aus dem konservativen Schlamm der Jugend in ein selbstbewusstes Leben herausgewatet. Frei nach dem Motto: besser spät als nie.

In dieser Zeit, einige Jahre nach dem Tod meiner Großmutter, erhob sich das Gespenst erneut. Nun in der



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Familie meines Vaters. Eine bäuerliche Großfamilie aus dem Tiroler Gschnitztal, die über Generationen vornehmlich stolz auf ihr Unglücklichsein war, zumal wir nur im Leiden in unser heiß ersehntes Himmelreich gelangen. Oder so ähnlich. Begonnen hat diese Saga großer generationenübergreifender Frustration mit der unglücklichen Heirat meiner Großeltern in den Jahren vor der Machtergreifung der Nazis. Acht Kinder sollten diesem Unglück folgen. Eine pflichterfüllende Familie, so wie sie dem damaligen Zeitgeist und dem sozialen Kontext entsprach. Mein Vater war der jüngste Sohn dieser Familie. Obwohl mein Großvater als bösartiger Patriarch immer wieder alles versucht hatte, seine Kinder gegeneinander auszuspielen, verband meinen Vater mit seinen Geschwistern zumeist eine Form des Respekts.



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Bis hin zur Freundschaft, die er vor allem mit einem seiner Brüder pflegte. Dieser Onkel von mir stellte in den frühen 1960er Jahren dem bösartigen Patriarchen seine Freundin vor. Eine rothaarige junge Frau, die meine Tante werden sollte. Das geflügelte Wort meines Großvaters über seine künftige Schwiegertochter war damals wie heute ein von Lächerlichkeit triefendes Klischee. Was die Aussage aber dennoch nicht ungeschehen Macht. Und auch nicht die geistige Haltung dahinter. Mit erhobenem drohendem Zeigefinger hatte er geraunt: „Hüte dich vor den Gezeichneten!“ Vor dem Hintergrund einer solchen Kultur der Herablassung war es für alle eine rechte Mühe, ein zufriedenes Leben zu finden. Meinem Vater und meinem Onkel sollte dies auf beeindruckende Weise dennoch gelingen.



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Über viele Jahre verband sie eine große Leidenschaft für das Schnitzen. Die beiden Amateurkünstler, deren Kunstfertigkeit leicht mit Profis mithalten konnte, motivierten sich immer wieder gegenseitig und erschufen ein erstaunliches Kunstwerk nach dem anderen. Zum Beispiel half mein Onkel dabei mit, eine große Platte als Unterlage für die Krippe meines Vaters herzustellen. Diese meisterhafte selbstgebaute Krippe trage ich – trotz meines passionierten Atheismus – in einer Art Vater-Sohn-Tradition jedes Jahr mit meinem Vater durch das Stiegenhaus des Mietshauses, in dem meine Eltern leben. Jedes Mal braucht es eine rechte Kraftanstrengung, um die große Platte vier Stockwerke hochzuhieven.



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Immer dann, wenn ich in die Knie gehe, um die Platte richtig zu ergreifen und hochzuheben, damit mein Rücken nicht zu sehr belastet wird, denke ich auch an den Rücken meines Onkels. Dort hatte sich das Gespenst erhoben. Es schien sich zunächst um etwas Normales zu handeln. Und ohne unsere geliebte Normalität ist unser Leben schließlich zu furchterregend. Wenn etwas nicht normal ist, ist das für die meisten von uns nicht auszuhalten. Deshalb vermag man sich auch darüber zu freuen, wenn man einfach nur ganz gewöhnliche Rückenschmerzen hat. Beim Älterwerden kommt es öfter mal zu Problemen mit dem Rücken. Erst wenn die Schmerzen wirklich unerträglich sind, geht man widerwillig doch zum Arzt. Mein Onkel war mit Rückenschmerzen zum Arzt gegangen und mit der Diagnose Multiples Myelom nach Hause gekommen.



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Diese seltene Krebserkrankung geht zurück auf eine mutierende Plasmazelle tief in den Knochen. Ein Multiples Myelom tritt an verschiedenen Stellen im Knochenmark, diffus oder herdförmig, auf. Die Symptome dieser peinigenden Knochenschmerzen werden im Laufe der Krankheit um Nachtschweiß, Gewichtsverlust und erhöhte Temperaturen erweitert. Ich habe es mir immer so vorgestellt, dass der Körper in völliger Verblüffung nicht versteht, warum er von seinem Innersten heraus derart ätzend angegriffen wird und deshalb zu Glühen beginnt. Als ob Knochenmark zu Magma wird und nicht auszubrechen vermag.

Ich erinnere mich, wie mein Vater und ich meinen Onkel einmal im Krankenhaus besucht haben. Er hatte schon einiges an Gewicht verloren. Der agile Mann,



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den ich sonst gekannt hatte, war nur noch wie durch einen Nebel zu erkennen. Er schlurfte schon geschwächt, seine Stimme war nicht mehr kraftvoll wie früher. Ich erinnere mich, wie er sich neben mir mit meinem Vater unterhielt und meinte: „Tja, das ist halt auch kein Leben. Wenn man zu schwach ist, eine Türklinke herunterzudrücken.“ An diese Türklinke muss ich immer wieder denken.

Sein Weg von der Diagnose bis zum Tod dauerte einige Jahre. Seine Familie und Freunde haben ihn so gut es ging begleitet. Ich sah ihn nach dem Hinweis auf die Türklinke nur noch einmal wieder. An diesen Tag erinnere ich mich besonders deutlich. Obwohl seit damals auch schon wieder viele Jahre vergangen sind. Mein Onkel lag auf einer Hospizstation und es hieß, sein Ende wäre wohl bald nah. Ich sah, wie emotional belastet mein Vater von dieser Nachricht war und beschloss, ihn zu einem letzten Besuch bei seinem Bruder zu begleiten.



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Ich erinnere mich, wie meine Anspannung beim Betreten der Hospizstation von mir bröckelte. Die Gelassenheit und Würde, die in diesen Gängen und Räumen geschaffen und gelebt wurde, hatte etwas Beruhigendes an sich. Als wir das Zimmer betraten, sah ich zuerst meine Tante. Inzwischen hatte sie keine roten, sondern nur noch weiße Haare. Sie saß eng neben dem Bett und hielt die Hand ihres sterbenden Mannes. Eine seiner Töchter saß am Tisch beim Fenster. Die beiden begrüßten uns freundlich. In ganz normaler Lautstärke. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie hatte ich erwartet, dass wir flüstern würden. Der Tonfall meiner Tante erinnerte mich an unsere Besuche vor vielen Jahren, wenn wir auf einen Kaffeeplausch bei ihnen vorbeischauten. In ihrem schönen Haus. Dessen Garten gleich an eine



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Skipiste angrenzte. Ich erinnere mich, wie ich als Kind immer verdutzt darüber war, dass jemand tatsächlich vom eigenen Garten direkt auf eine Skipiste gelangte. „Schau, dein Bruder und dein Neffe sind auch hier.“ Diese Worte hätte meine Tante auch damals so sagen können.

Ich ließ meinem Vater den Vortritt und beobachtete ihn von der Seite. Sah seinen traurigen Blick, während er so normal wie möglich zu sprechen versuchte. Zwei Brüder unter sich. Als ob nichts wäre. Und ich dachte erneut an die Wirklichkeit der Willkür. Die einen sterben hochbetagt und schlafen friedlich und schmerzlos ein. Die anderen sterben Jahrzehnte vor ihrer Zeit und wühlen sich unter unsäglichen Schmerzen qualvoll zur Erlösung ihres künstlich hinausgezögerten Todes. Die Auswahl trifft der liebe Gott. Das Schicksal. Der Zufall. Der Krebs. Eine Antwort auf die Frage nach dem Warum blieb noch jede selbst ernannte Antwort schuldig.



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Erst später trat auch ich näher an das Bett heran. Gedanklich mit der Frage beschäftigt, was man einem Sterbenden noch Sinnvolles sagen könnte. Ich sagte nichts, lächelte so gut ich konnte und schätzte mit einem Gefühl des Ekels und Staunens das Gewicht meines Onkels. Später hat uns meine Tante erzählt, dass er auf 36kg abgemagert war. Dieser Prozess des Abmagerns als sichtbares Zeichen des körperlichen Verfalls verdeutlichte eine Dimension, die weit über die Frage hinausging, was wir mit der Tatsache tun, dass jedes Leben endet.

Das sprachliche Klischee „bis auf Haut und Knochen“ lag hier als verifizierte Hypothese vor mir. Was mich einmal mehr besonders erschreckte, waren die großen tiefschwarzen Augen. Diesmal die Augen meines Onkels,



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als er mühsam sein eingefallenes Gesicht zu mir wandte. Sein Mund stand offen, er war nicht mehr dazu in der Lage, ihn zu schließen. In seinen Augen lag eine große Panik. Sie schienen nicht nur nach dem Warum zu fragen, sondern schrien „Warum so?“ Dabei ist mir die Möglichkeit durchaus klar, dass sich in diesem Blick auch einfach nur meine eigenen emotionalen Unzulänglichkeiten spiegelten. Sein eingefallener Mund schien sich kurz zu bewegen. Als ob er etwas sagen wollte. Was er nicht mehr konnte.

Mein Vater und ich fuhren nach Hause und sprachen im Auto über die friedliche Stimmung in den Gängen und Zimmern der Hospizstation. Wenige Minuten, nachdem wir daheim waren, kam der Anruf, dass mein Onkel endlich tot sein durfte. Ich war in Gedanken immer noch bei diesen



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traurigen tiefschwarzen Augen und überlegte mir, ob die Augen wirklich die Tür zu dem waren, was religiöse Menschen als Seele bezeichnen. Irgendwie wirkten die Augen, zumindest diese Augen, tatsächlich ein wenig wie eine Tür. Sie öffneten einen Raum und zeigten das große Entsetzen. Ich setzte mich hin und schrieb mein Gedicht „Salz an der Tür“. Denn im Angesicht des Leidens und des Todes fließt Salz an dieser Tür. Und ich denke an den alten Brauch, Salz gemeinsam mit Brot zu verschenken, wenn jemand in eine neue Wohnung oder ein neues Haus zieht.









Quellen

Gidlund, Kristian. Nach mir das Leben. Bastei Lübbe, 2014

Jäger, Markus. Zeit im Sand. Arovell, 2019














Folium III, 2022 I





A Catch Too Far

LOCAL CULTURES OF SENEGAL
IN TIMES OF OVERFISHING

Heiner Thiessen


LITERATURE



There is clearly no way of knowing, but doesn’t it seem likely that early Sapiens caught his very first fish with his own two hands? After all, this is what mammals and birds had been showing him forever. But we can also assume with some certainty that such a simple ‘un-tooled’ approach would soon have been replaced by a wittier tactic of the ‘knowing new man’. Sapiens’ brainy ingenuity would soon lead him to arrive at a variety of labour saving options. One fine day he would discover spearfishing. Then he would dream up the fish trap and later the fishing net. The improved food supply chain, resulting from such advances, would allow his family to grow. He, who had the nous, could multiply. Natural selection favoured inventiveness.



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Progress through smart thinking, as opposed to brute force, has been Sapiens’ trade mark for thousands of years in all areas of life and that includes the domain of fishing. But there came a point in the human success story, when his own ingenuity would eventually catch up with him (pun intended) and begin to imperil the world around him. In fact, Sapiens himself seems to have become the victim of his own ingenuity.

Overfishing leads to dwindling maritime stocks and thus to loss of livelihood in the fishing communities. If we don’t act in harmony with nature all around us, Mother Earth will let us know in no uncertain terms. When we eat the raft we are sailing on, we are in deep trouble.



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One sunny afternoon in West Africa, I found myself in the eye of a perfect storm that had resulted from such an aggressive technology that proved far too successful for its own good. My own physical safety that afternoon was no longer a foregone conclusion.

West African fishing in the wild waters of the Atlantic Ocean is not for the faint-hearted. The picturesque pirogues on the wide beaches of Saint Louis don’t make you think of death and drowning. And yet fishermen fail to return regularly. The seas are unpredictable and the fishermen don’t usually know how to swim. From a European perspective most of the crew members I saw on any pirogue seemed far too young. Ten-year-old children crew the boats, together with fathers and older cousins. Pushing a long and narrow



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pirogue through the powerful surf, out into the open waters and jumping aboard at the last possible moment, completely soaked by then, is a spectacle I shall never forget. No health and safety there. No worried mothers, concerned for the boys who will be away for days and nights with the weather-beaten men.

Several days later, when the pirogues return, the beach is crowded with excited women, glad to see their menfolk and their sons all back alive. They argue about the best fish, what part of the catch will be cooked at home, and what goes to market. Fish is a staple diet in West Africa. ‘Djeb bu Jen’, fish and rice is on the menu almost every single day, a beautifully spiced source of protein and very tasty to the palate. I never grew tired of it.



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Fishing by pirogue has been practised for centuries. But it was first made possible when the Portuguese and the Spanish arrived with their new ideas of ‘carvel’ boat building, featuring rib frames and edge on edge planking, thus replacing the stone age dugout canoes which capsized far too easily and which were more suited for river and lagoon fishing, away from the dangerous breakers and the forbidding Atlantic surf.

Technological progress in Caravella shipbuilding, originating from the Iberian Peninsula, did not only facilitate the great trans-atlantic voyages of exploration, the new pirogue of Iberian origin also opened up oceanic fishing grounds and allowed coastal populations to feed sustainably from a rich harvest that the wild sea offered. To this day,



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the construction and the colourful decoration of the African pirogue is surprisingly similar to the Portuguese boats I spotted on the canals of Aveiro, where they were called piroga.

But nothing lasts forever and what was cutting edge technology many centuries ago, will eventually be overtaken by new developments. First came the outboard motor, granting the local fishermen a wider radius of action and thus a richer harvest. A generation later Factory Trawling, with sonar tracking of fish stock movement, began to intrude and jeopardise traditional subsistence fishing in West Africa. No alarm bells rang when the trawlers from China and Korea arrived on the West African coast with its rich fishing grounds. They would harvest local mackerel, herring and mullet, process, package and freeze their catch, ready to be marketed in Europe and Asia.



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Their ships would initially operate outside territorial waters, or later, with ministerial fishing permits, even closer to the shore. Eventually local fishermen began to feel the pinch of high tech overfishing. They caught less and less. Sorties were no longer viable and fish became more and more expensive, if not a luxury product. The fishing community had been deprived of their own local natural resource by a superior, yet predatory technology from far away.

Like everywhere else, the machine had finally won. Traditional man was at the losing end of this global Productivity Drive. He had to rethink his own business model. His beached pirogue could not pay off his rising debt, nor could it feed hungry mouths. So the idle and desperate crews took their boats out into the Atlantic,



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further out than they had ever done before to offer their services to the new masters with their avaricious technology. Their own pirogues would be tied to the trawlers. And the crews would stay aboard ship for a while, working on the gutting tables, assisting with packaging and freezing, before the freight would finally be shipped to Europe from Dakar.

It is tough work and accommodation is damp and primitive but the lads are happy to have a job at all and to take their share of the catch home or to market. This practice has been going on for decades and at least since the beginning of this 21st century. Territorial waters have to be fiercely guarded with small aircraft, reporting on intrusion, so that offending companies can be fined accordingly.



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One day, while I was in Saint Louis, rumour spread like wildfire through the entire country that neighbouring Mauritanian trawlers had strayed into Senegalese waters, protected by their two-hundred-mile economic exclusion zone. The news worked like the proverbial match igniting a tinderbox. Feelings had been running high for ages. Fishermen were on edge. Not everyone got a job with the Chinese and Korean trawlers. And now, even the Mauretanians began to stray into their Senegalese fishing grounds. It always seemed to be the Mauretanians, causing trouble for the locals, especially here, so close to the National border.

Mauritanian immigrants ran the shops in town. They were better at commerce in general. Import and export businesses were in their hands. They were richer and owned



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some of the hotels and the restaurants. Envy loomed large and hatred, directed at these successful foreigners, was tangible. When rumour about the offending boats from across the border struck the town of St. Louis, all hell broke loose. Mauretanian shops were looted, shop owners were attacked and killed, although they had nothing to do with the rumoured fishing activities of their compatriots. It was the nearest to pandemonium I have ever come across.

And there I was in my taxi, going back to my hotel after a day’s work at University. When crossing the Senegal River our vehicle approached a large group of angry fishermen. It was too late to reverse or turn the car around to take a different route. We were caught amidst agitated and excitable men who needed an outlet for their frustration. They hated foreigners. I was a foreigner. Did their anger



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extend to Europeans in suits? There was no way of knowing. The taxi driver told me to smile. We heard hands banging on the top of the roof from all sides, as the driver inched his way forward. Nobody stopped us but the drumming on the car top intensified, now accompanied by some aggressive chanting. The looting was still in full swing and a general sense of lawlessness hung in the air. It could have ended in tears but mercifully and very gradually we were allowed to leave the unruly mob behind. A Mauretanian passenger may not have fared quite so well.

Industrial overfishing, organised by factory trawling companies from the Far East had suddenly intersected with my own little life. This seemed ample proof of the validity of Chaos Theory that everything is in fact interconnected. It also made me think how easily a technology can turn inappropriate and damaging, particularly to those who are weak and voiceless. But often enough we only wake up when it is already far too late.

Have we bought the benefit of improved living standards and rising life expectancy at a price that cannot be paid forever? Are a growing world population and looming climate change an expression of man-made imbalances within nature? Have we caught that one fish too many?














Folium IV, 2022 I





Der Arzt Seiner Ehre

LIEBE UND EHRE IN CALDERÓNS
EL MÉDICO DE SU HONRA

Christoph Wurm

chrwurm@aol.com | christophwurm.de


ARTICLE



A cruel play

So der Beginn der Kurzgeschichte The point of honour1 von William Somerset Maugham. Wer Pedro Calderóns (1600-1681) Stück El médico de su honra2 und seinen schaurigen Ausgang kennt, wird diese Wertung nachvollziehen können.



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Aus der Entscheidung, ein Buch über das Siglo de Oro3 zu verfassen, spricht die Faszination, die Calderón und Zeitgenossen auf Somerset Maugham ausgeübt haben; es ist in diesem Falle legitim, zumindest für diesen Einleitungsteil, den narrator der Kurzgeschichte mit ihrem author zu identifizieren, da das geplante Buch vorliegt. Es erschien 1935, unter dem bescheidenen Titel Don Fernando. Ein für diesen Gentleman-Autor typisches understatement, denn das Werk liefert nicht weniger als eine pointierte, aus Lektüre- und Reiseerfahrungen gespeiste Einführung in die spanische Kulturgeschichte.4

Ort und Zeit

Das Stück, das auf einer wahren Begebenheit basiert,5 kommt mit einer Handvoll Akteure und Schauplätze aus. Es spielt an drei aufeinanderfolgenden Tagen (jornadas)



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in Sevilla und in der Nähe der Stadt, und zwar vor dem Ende der Reconquista, nämlich im vierzehnten Jahrhundert, zur Zeit Pedros I. von Kastilien (1334-1369),6 eines der Hauptcharaktere des Stückes, der uns im ersten Akt im königlichen Schloss, dem Alcázar von Sevilla, entgegentritt.

Damals zerfiel die Iberische Halbinsel in fünf Territorien: Portugal, Kastilien (die Corona de Castilla), Navarra, Aragón und das Emirat von Granada. Pedros Halbbruder Enrique verließ den Hof, wurde in Kastilien zum König ausgerufen und verbündete sich mit Frankreich. 1369 tötete er seinen Bruder eigenhändig in der Schlacht von Montiel und regierte nach ihm als Enrique II. bis 1379.

Den König, so hören wir im Stück, nenne „die Welt“ el Justiciero, den Rechtsprecher (Akt I, S. 67, V. 18).7 Traditionell dagegen war seine Königsherrschaft



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als Schreckensregime in Erinnerung, und man hatte Pedro, „given to blood-letting on too light an occasion“,8 den Beinamen el Cruel gegeben. Der reale König ist natürlich sorgfältig von der Gestalt des Königs Pedro in Calderóns Stück zu unterscheiden, ebenso wie sein Bruder.

Calderons Pedro ist ein rechtschaffender, stets ernster, misstrauischer Charakter, der sich von Enrique und dessen Gefolgsleuten bedroht fühlt, er fürchtet um seinen Thron. Enrique verlässt den Königshof, um ein Bündnis gegen Pedro zu schmieden, und des Königs Untergang bei Montiel wird von Straßenmusikanten angekündigt (Akt III, S. 164, V. 18).



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Ein „Verbrecher aus verlorener Ehre“?

Der Handlungskern: Der Edelmann Don Gutierre verdächtigt seine geliebte Frau, Doña Mencía, ein Verhältnis mit dem Infanten Enrique, dem Bruder des Königs, zu haben.

Die Nebenhandlung: Wir erfahren, dass Don Gutierre früher mit Doña Leonor verlobt war und dadurch Zutritt zu ihrem Haus erlangte, aber diese Verlobung aufkündigte, als er eines Nachts einen Mann ihr Haus verlassen sah; seine Ehre ließ die Verbindung mit Leonor nicht länger zu, und er heiratete statt ihrer Mencía; Leonors Ehre ist seitdem befleckt.

Mencías Vater entschied, seine Tochter Don Gutierre als Ehefrau zu geben, während der, den sie liebte, eben jener Don Enrique, für längere Zeit verreist war. Nach seiner



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Rückkehr sucht dieser sie in Abwesenheit ihres Ehemannes in der quinta Gutierres in der Nähe Sevillas auf. Dieser gelangt – irregeführt durch eine Kette trügerischer Indizien – zu der Überzeugung, seine Frau sei ihm untreu, habe ein Verhältnis mit Enrique. Es gilt zu handeln. Gutierre zwingt einen Wundarzt, sie zur Ader zu lassen, bis sie verblutet. Der König spricht den „Arzt seiner Ehre“ frei, als der Gutierre, diese zentrale Metapher immer wieder aufgreifend, sich versteht. Noch an der Bahre Mencías gibt der König ihm die frühere Verlobte Leonor zur Frau.

Comic relief versucht der payaso, Coquín, zu schaffen, dem es aber nie gelingt, den ernsten Pedro zu erheitern. Im Verlaufe des Stückes gewinnt Coquín an Statur, indem er versucht, Mencía zur Seite zu stehen. Er ist gegen Ende



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des Stückes der Einzige, der durch Intervention beim König einen Rettungsversuch für Mencía unternimmt, nachdem Gutierre sie isoliert und im Haus eingesperrt hat.

Sein und Schein, Plan und Schicksal

Von Beginn des Stücks an herrscht das Gesetz der dramatischen Ironie, der superioridad informativa des Publikums gegenüber den beiden Protagonisten. Im Unterschied zu Mencía kennen die Zuschauer Gutierres Gedanken, und im Unterschied zu Gutierre können sie alles miterleben, was Mencía betrifft, und bezeugen, dass sie standhaft bleibt, obwohl sie Enrique liebt, nicht ihren Ehemann.



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Die stets denselben Irrweg weisenden Fingerzeige aber, die das Schicksal Gutierre gibt – etwa der Dolch, den Enrique bei seinem nächtlichen Besuch in der quinta verlor und den Gutierre findet, oder die ersten Zeilen des begonnenen Briefes, den Leonor an ihn schrieb – müssen ihn davon überzeugen, sie sei ihm untreu. Und alles, was Mencía unternimmt, um Enrique abzuwehren, bewirkt, dass ihr Mann in diesem seinem Irrtum noch gestärkt wird.

Calderón entschied bei der Konstruktion seines Stückes, ihm verstörende Intensität zu verleihen, indem er das Schicksal mit derselben unerbittlichen Konsequenz voranschreiten lässt wie den mit kalter Methodik planenden und – mit gutem Gewissen – exekutierenden Gutierre.



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Es überrascht nicht, dass ein Albert Camus den christlichen Dichter hoch geschätzt und übersetzt hat,9 der solches wagte; Calderón hat in El médico de su honra vor aller Welt, auf der Bühne des siebzehnten Jahrhunderts, scharf die Frage nach dem gütigen Gott hinter und über alldem gestellt.

Dieser Frage tritt eine weitere zur Seite, die Schuldfrage, und damit die nach der moralischen Basis der Ideologie der Ehre. Denn nicht Gutierre, sondern diese Ideologie, zu deren Implikationen ja die Selbstjustiz gehört, trägt für Mencías Tod die Verantwortung, so die subversive Botschaft des Stückes.

Die Hoffnungen der Protagonisten, enthüllt in den so klangvollen wie psychologisch glaubwürdigen inneren Monologen Don Gutierres und Doña Mencías,



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sind so vergeblich wie die Wachsamkeit des Königs gegenüber seinem Bruder und dessen Gefolgsleuten. Das Schicksal ist es, dass sie vor sich hertreibt.10

Haft in Kerkern von Schnee

Die Kommunikation zwischen Mencía und Gutierre, zwischen Leonor und Gutierre und zwischen dem König und seinem Bruder ist grundlegend gestört. Fehlendes Vertrauen ist es, das die Aussprache vereitelt. Sie führen nie ein erfolgreich klärendes Gespräch, sondern versuchen, argwöhnisch beobachtend auf die geheimen Gedanken und Intentionen des jeweils anderen zu schließen. Der tragische Ausgang des Stückes, der Mord an Mencía, ist Ergebnis einer Kette von Fehlinterpretationen Gutierres. Ludwig Pfandl hat daher Mencía „die erbarmungswürdige



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Beute tückischer Zufallsverwicklungen“11 genannt, was zutrifft, aber die tieferliegende Ursache ist der herrschende Mangel an Kommunikation.

Wie die beiden anderen bekannten Ehrendramen Calderóns, A secreto agravio secreta venganza und El pintor de su deshonra, ist El médico de su honra ein Drama der Einsamkeit: „Los protagonistas se encuentran aislados, sienten sobre sí el terrible peso de la incomunicación.“12 – „Die Protagonisten befinden sich in Isolation, spüren über sich die entsetzliche Last der Non-Kommunikation.“ Mencía, in dunklen Assonanzen:



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„Jetzt sind sie gegangen, jetzt bin ich allein. Ach, würde es meine Ehre mir doch gestatten, hier meine Gefühle zu erklären! Ach, dürfte ich sie doch in Worte fassen und zugleich mit dem Schweigen Kerker von Schnee zerbrechen, wo das Feuer gefangen ist, das schon zur Asche niedergebrannt ist und jetzt gerade sagt: ,Hier war Liebe!‘ Aber – was sage ich? Was ist dies, ihr Himmel, was ist dies? Ich bin wer ich bin. Die Luft soll das Echo der Worte zurückbringen, die sie fortführte. Denn wenn sie auch verloren sind, so ist es nicht gut, dass sie verkünden, was ich verschweigen muss.“

Gutierre verschwieg Leonor den Grund seiner Aufkündigung der Verlobung. Mencía verschweigt ihm die frühere Beziehung zwischen Enrique und ihr. Gutierre



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erfährt erst von dieser Beziehung, als er auf Geheiß des Königs dessen Unterhaltung mit Enrique belauscht, so wie der König früher Leonor zum Belauschen des Gesprächs mit Gutierre gedrängt hatte.

Dieser versucht, mit allen Mitteln, auch dem der Täuschung, die Wahrheit über seine Frau herauszufinden – nur nicht mit dem der Aussprache. Monologisch versucht er, seine Qualen mit sich selbst abzumachen. Die Person, der Mencía sich dagegen anvertraut (Akt I, S. 65, V. 3-12), ihre Zofe Jacinta, die die eigene unbedingte Vertrauenswürdigkeit betont (Akt I, S. 64, V. 26), intrigiert sofort danach mit Enrique, verschafft ihm nachts Zutritt zum Haus und bringt so den verhängnisvollen Stein ins Rollen.



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Durch Reduktion von Zeit, Ort, Personenzahl kerkert Calderón seine Akteure ein, sie sind aneinander gekettet, öffnen sich aber einander nicht, sondern ziehen sich noch weiter zurück, in ihre je eigene Klaustrophobie. Enrique ist der einzige, der aus diesem Kerker ausbricht und Sevilla verlässt.

Als Mencía erschrocken Enriques Dolch in den Händen ihres Mannes gesehen und erkannt hat, fürchtet sie, dass er sie niedersticht. Ihre Maske fällt: «¡Tente, señor!» – „Halt, Herr!“ (Akt II, S. 104, V. 26ff.). Darauf entfährt ihr eine düstere Vision des eigenen Todes, in der sie prophetisch die Todesart des Verblutens vorhersieht (Akt II, S. 105, V. 4-6).

Ein kurzer Moment der Aufrichtigkeit – dann versucht sie in unbeholfener Rhetorik, ihre Worte wieder einzufangen, die Ursache ihres Entsetzens vor Gutierre zu verbergen (V. 15ff.):



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Mencía: „Meine Trauer, meine Sorgen in deiner Abwesenheit sind es, die immer wieder diese Einbildungen in mir hervorrufen.“ Gutierre: „Wenn ich kann, komme ich morgen Abend, adiós.“ Mencía: „Gott begleite euch, mein Liebster. [Beiseite:] Welcher Schrecken! Welches Entsetzen!“ Gutierre: [Beiseite:] “Oh, meine Ehre, eine Menge haben wir zu reden, du und ich, wenn wir allein sind.“

„Du und ich haben eine Menge miteinander zu besprechen“, so richtet Gutierre sich, ein weiteres zermarterndes Selbstgespräch ankündigend, an seine Ehre – nicht an seine Frau.

Nicht nur im Privatbereich, auch in der Öffentlichkeit herrscht Misstrauen. Das wird von Beginn des Stückes an spürbar, als Don Diego Don Arias, also ein Gefolgsmann Enriques den anderen, auffordert, mit seiner Kritik am König vorsichtig zu sein (Akt I, S. 41, V. 28ff.):



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„Schweig und bedenke, Don Arias: Wenn die Wände Ohren haben, dann haben die Baumstämme Augen, komm mit mir. Uns kann das nur schädlich sein.“

Pedro sieht seinen Thron durch die Machenschaften Enriques gefährdet. Als dieser ihn im Königsschloss von Sevilla versehentlich mit dem Dolch verletzt, den er in der quinta Gutierres verlor und den der König ihm zurückgibt, argwöhnt Pedro sofort ein Attentat.



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Der König nennt Enrique Verräter (Akt III, S. 146, V. 17f.), und dieser verlässt eilends den Königshof. Als Enrique das Gespräch mit ihm abbricht, vermutet der König, dass dieser sich mit seinem anderen Bruder gegen ihn verschwören wird. Auf Pedro wie auf Mencía fällt der Schatten des drohenden Todes.

Mencía

Mencía liebt ihren Mann nicht, aber sie will sich selbst nicht eingestehen, dass sie noch Gefühle für Enrique hegt. Diese Repression gehört zum Ehrenkodex, und ängstlich ist sie darauf bedacht, sich keinen Verstoß zuschulden kommen zu lassen. Sie weiß: Das Thema Liebe muss für sie abgeschlossen sein. Ihrer Zofe Jacinta, vor allem aber: sich selbst, liefert sie ein harsch apodiktisches résumée:



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„Ich bin in Sevilla geboren, und in dieser Stadt sah mich Enrique, warb um mich, die ich stolz sein Liebeswerben zurückwies, rühmte meinen Namen. Jene Zeit stand unter einem glücklichen Stern! Er ging fort, und mein Vater tritt [,atropella‘ ist Präsens] die Freiheit mit Füßen, die in mir war. Ich gab Gutierre meine Hand, Enrique kehrte zurück und, kurz gesagt, ich hatte Liebe und ich habe Ehre. Das ist alles, was ich über mich weiß.“



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Sie ist „innocent throughout“13, aber sie weist zu Beginn des Stückes, als der verletzte Enrique in ihrer quinta weilt, den zukünftigen Kontakt mit Enrique nicht zurück, sondern sie ist es, die ihm anbietet, sich vor ihm dafür zu rechtfertigen, dass sie Gutierres Ehefrau geworden ist. Auf dieses Gesprächsangebot beruft sich der nächtliche Eindringling später.

Als dann Gutierre unerwartet auftaucht, wird sie zu Enriques Halb-Komplizin, indem sie ihm das Verschwinden ermöglicht. C. Strosetzki hat angemerkt, „dies wäre nicht nötig gewesen, da Enriques Anwesenheit auch als offizieller Dankesbesuch hätte ausgegeben werden können.“ Mencía selbst sei es, die sich in Situationen bringe, die ihre Ehre gefährden.14



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Der Dichter will jedoch Mencías Handeln nicht ins Zwielicht tauchen. Mencías Verhalten ist von der inneren Logik des Stückes her in doppelter Hinsicht plausibel. Zum einen handelt sie ja aus der Situation heraus, im sie hinabreißenden Strudel der Ereignisse, und ihr Vorgehen darf nicht an der Elle besonnener Distanz gemessen werden. Zum anderen ist es naheliegend, dass sie der Überzeugung ist, dass der frühere Geliebte Anspruch auf eine Erklärung und Rechtfertigung ihrerseits hat. “Mencia’s human desire to explain her apparent volte-face to the prince is abused by him, leading to a series of compromising situations (…).15

Was Strosetzki hier außerdem außer Acht lässt: Ihr riskantes Vorgehen und Enriques Entkommen um Haaresbreite dienen Calderón dazu, das Publikum durch einen



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wirksamen Bühneneffekt zu fesseln. Die Verwendung dieser Motive16 erwartete das Publikum von einem spannenden drama de honor.

Ehre – eine spanische Obsession?

Das Ehrendrama ist ein Reflex des Kultes der Ehre in der spanischen Gesellschaft jener Jahre, der Übersteigerung des Ehrbegriffs, « cette hypertrophie quasi pathologique du sens de l’honneur ».17 Die Ehre ist „allmächtiges Statussymbol.“18 Nur so ist Lope de Vegas Aussage nachvollziehbar: «Los casos de la honra son mejores porque mueven con fuerza a toda gente.» (Arte Nuevo, 149, 327f.). – „Die Fälle der Ehre sind am besten, weil sie jedermann ergreifen.“ Zahlreiche « cas d’honneur » außerhalb des Theaters belegen die Bedeutung, die die Wahrung der Ehre im Bewusstsein der Spanier besaß.19



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Die Ehrendramen Lope de Vegas und Calderóns hatten über ein halbes Jahrhundert hinweg konstanten Erfolg beim Publikum. Französische Beobachter, etwa der Spanienreisende Barthélemy Joly (genaue Lebensdaten unbekannt) zu Beginn des 17. Jahrhunderts, kritisierten den spanischen Umgang mit der Ehre.21 Pierre de Bourdeille (um 1540-1614) machte das Ehrverständnis und andere, angeblich typisch spanische, Formen hochfahrend-stolzen Verhaltens zum Gegenstand des amusement über das Nachbarvolk.22



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Tragik

Tragisch wird das Stück mit Recht genannt, denn die Protagonistin wird durch ihre ἁμαρτία, ihre Fehleinschätzungen, zum Opfer, der Protagonist durch die seinen zu Täter und Opfer. Es gilt jedoch, mit der gebotenen Klarheit darzulegen, was genau die gesellschaftlichen und individuellen Parameter dieser Tragik sind.

Grundlage der sich in El médico de su honra entfaltenden Tragödie ist die Dialektik zwischen den zugrundeliegenden Rollen von Mann und Frau. Die Frau ist nach patriarchalischem Denkmuster der Verfügungsgewalt ihres Ehemannes unterworfen. Jeder etwaige Verstoß ihrerseits gegen die eheliche Treue ist eine schwere Verfehlung gegen seine Ehre, in der doppelten Dimension der honra als Selbstwahrnehmung eigener Würde und als gesellschaftlicher Reputation. Die Verteidigung der Ehre in solchen Fällen ist nicht etwa mit Rache gleichsetzbar.



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Als ausgemacht gilt im Stück wie in der spanischen Wirklichkeit zur Zeit Calderóns, dass bestimmte Männer über Frauen entscheiden. Im Falle Mencías zunächst der ihre Heirat zu Gutierre dekretierende Vater, dann der Ehemann. Im Falle Leonors erkennt der König am Ende des Stückes den Mord als das gute Recht Gutierres an – und verheiratet ihn mit ihr.

Nicht nur Recht, sondern Pflicht des Ehren-Mannes ist es, Verstöße gegen seine Ehre abzuwehren oder zu sühnen, wie etwa die Untreue der Ehefrau oder außerehelichen Geschlechtsverkehr einer Tochter oder Schwester. Dass dieses Denkmuster nicht der Vergangenheit angehört, haben in den letzten Jahren Berichte über von Afghanen in Deutschland begangene Ehrenmorde gezeigt. Dem Ehren-Mann ist der Einsatz aller Mittel gestattet:



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Wenn möglich, soll er heimlich handeln. A secreto agravio, secreta venganza: So lautet der Titel eines anderen Stückes von Calderón. Präventivhandeln soll vermeiden, dass die Beschädigung der honra publik wird.24 “If news of the offence had not spread abroad, vengeance could be taken secretly.”25

Nie wird im Haushalt Don Gutierres, wo die Dienerschaft weiß, was wirklich geschah, offen von Grund und Umständen des Todes Mencías und der Heirat mit der neuen Hausherrin Leonor die Rede sein.



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Zu dieser Grundstruktur treten nun in El médico de su honra drei individuelle Faktoren hinzu. Zunächst ist es die Tatsache, dass der Tatverdacht gegen Mencía objektiv falsch ist. Dazu kommt Mencías fataler Fehler, ihre ἁμαρτία: dass sie, die – aus ihrer Sicht – alles unternimmt, um den Verdacht von sich abzuwehren, gerade durch ihr Handeln ihren Untergang befördert. Drittens, Gutierres ἁμαρτία: Er tut – aus seiner Sicht – alles, um diesen Verdacht zu klären, und die gefundenen ,Indizien‘ scheinen ihm „die fast unumstößliche Gewissheit von der Schuld seiner Gattin“ zu geben.26

Symbolik

Zusammen mit der dreifachen Einengung von Zeit, Raum und Zahl der Handelnden, verwendet der Dichter Symbole des Unheils, Zeichen von Gewalt und Tod. Sie



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unterstreichen die Spannung, die durch die ereignisreiche Handlung immer bohrender wird, durch deren pfeilschnelles Fortschreiten der erfahrene Theatermann Calderón sein zeitgenössisches Madrider Publikum fesselt und feurig-involviert hält.27

Der Sturz Enriques zu Beginn ist mehr als ein Jagdunfall. Er ist ein Anfangssignal, das nicht nur die Handlung des ganzen Stückes in Gang setzt, sondern er ist ein Symbol, weil er Enriques tiefen moralischen Fall visualisiert: den doppelten Verstoß gegen die Loyalität zum König und gegen die Gesetze der Ehre.

Ein weiteres zentrales Symbol: Enriques Dolch. Gutierre findet ihn in seiner quinta, und er sticht ihm ins Herz, was er am Ende dem König gegenüber hyperbolisch zum Ausdruck



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bringt: hinter seinem Bett habe er ihn gefunden (Akt III, S. 175, V. 28-30). Der Dolch, la daga, ist es, der den falschen Verdacht gegen Mencía auslöst. Als Mencía ihn erblickt, sieht sie in ihm eine Vorankündigung ihres Todes. Gutierre erstattet ihn dem König Pedro zurück.

Als dieser ihn Enrique zurückgibt und dieser ihn dabei versehentlich verletzt, flammt sofort Pedros Misstrauen auf: Er glaubt im ersten Augenblick, der Bruder verübe ein Attentat gegen ihn.

Als Gutierre dann den Dolch vom Boden aufhebt, spricht er ihm ausdrücklich Symbolbedeutung zu, indem er sagt, dieser solle dazu dienen, seine Ehre wiederherstellen: “y pues aqueste puñal hoy segunda vez me rinde el Infante, con él muera” – „und da der Infant mir diesen Dolch zum zweiten Mal übergibt, soll sie durch ihn sterben“ (Akt III, S. 148, V. 19-24). In der Tat wird er mit diesem Dolch



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den Wundarzt Ludovico bedrohen (Akt III, S. 160, 22f. und S. 161, V. 25f.). So zwingt er ihn, Mencía zu töten. Gutierre degradiert den Arzt dadurch zum bloßen Instrument – in den Händen des eigentlichen médico. Der Dolch ist zentrales Symbol der Bedrohung, der weder Mencía noch Pedro entkommen können.

Am Ende des Stücks zieht dann Ludovico eine Blutspur, er hinterlässt die Abdrücke seiner Hand an Gutierres Haus. Auch hier wird die Symbolbedeutung von Gutierre selbst hervorgehoben, als er am Ende des Stückes die blutige Hand zu seinem Emblem erhebt, in unbeirrter Überzeugung von der Richtigkeit seines Handelns:

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„Die, die ein Gewerbe betreiben, hängen, Herr, ein Wappenschild an ihre Türen. Mein Gewerbe ist die Ehre, und deshalb bringe ich meine in Blut gebadete Hand an der Tür an, denn Ehre, Herr, wäscht man mit Blut.“



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Der Ausgang des Stückes

Auf Rat ihrer Zofe Jacinta und des payaso Coquín macht Mencía sich daran, einen Brief an Enrique zu schreiben, da sie fürchtet, sein Verlassen des Landes werde einen Schatten auf ihre Ehre werfen. Als Gutierre die Anfangszeilen liest, missversteht er sie als weiteren Beleg ihrer Untreue. Er schreibt ihr ein lapidares Todesurteil:



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„Die Liebe betet Dich an, die Ehre verabscheut Dich, und so tötet Dich die eine und die andere warnt Dich: Du hast noch zwei Stunden zu leben; Christin bist Du, rette Deine Seele, denn das Leben zu retten ist unmöglich.“

Zwei Stunden räumt er ihr für Reue und Gebet ein, damit sie ihre Seele rettet. H.-J. Neuschäfers Behauptung, im ganzen Stück sei vom Glauben „bezeichnenderweise nie die Rede“28 ist sachlich falsch. Dann führt Gutierre den Chirurgen Ludovico herbei, dem er die Augen verbunden hat. Dieser muss die maskierte, in tiefe Ohnmacht gefallene, zwischen zwei brennenden Kerzen liegende Mencía durch Aderlass töten, während Gutierre sein Gesicht in seinem Mantel verbirgt. Er will diesen Zeugen seiner Tat beseitigen, da er beabsichtigt, ihm die Schuld am Tode seiner Frau



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zu geben; keineswegs etwa, um eigene Schuld zu verbergen, sondern die Ursachen der Tat, die die Ehre seiner Gattin und damit die eigene beflecken würden.

Er muss aber von ihm ablassen, als er und der von ihm wieder maskierte Arzt dem König begegnen. Die sonoren Verse des Arztes klären ihn über das Geschehen auf. An das Ende setzt Calderón das eindrucksvollste Symbol des Stückes:



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„Es bleibt mir nur noch, dir zu mitzuteilen, Herr, dass ich die Hände mit rotem Blut besudelt davontrug, und dass ich an den Mauern entlangging, als müsste ich mich entlangtasten, und dabei alle Türen befleckte, damit die Spuren den Weg zu dem Haus weisen.“

Der Täter versucht dem König gegenüber, den Tod Mencias als natürlich hinzustellen, in einer gedehnten Einlassung, deren dick aufgetragene Rhetorik er offensichtlich prädisponiert und daher parat hat (Akt III, S.172, V. 20-S. 174, V. 15).

Nach der kalten Rationalität der Planung nun, an der Bahre seiner Frau, die dämonisch wirkende Eloquenz der Bemäntelung der Tat – jetzt stellt sich wie an keinem vorherigen Punkt des Stückes die Frage: “Does Gutierre ever love his wife?”29

Pedro erkennt – und anerkennt – , dass Gutierre aus Rache gehandelt hat. Er nutzt die Gelegenheit, um Leonor die versprochene Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Den Makel, der ihre Ehre getrübt hat, tilgt er, indem er sie Gutierre zur Frau gibt (Akt III, S. 177, V. 10-26):



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„König: Gebt Leonor, von der ich weiß, dass ihre Tugend sie verdient, also die Hand. Gutierre: Ja, ich gebe sie ihr. Aber schau, sie ist in Blut gebadet. Leonor: Es macht nichts, denn es erstaunt mich nicht, noch erschreckt es mich. Gutierre: Schau, Arzt war ich meiner Ehre; die Heilkunst ist noch nicht in Vergessenheit geraten. Leonor: Heile mit ihr mein Leben, wenn es krank ist. Gutierre: Gut, unter dieser Bedingung gebe ich sie dir. Damit endet das Stück El médico de su honra. [Zum Publikum:] Verzeiht seine vielen Schwächen.”

Licht und Schatten

El médico de su honra – brillant, aber irrémédiable? Angesichts der Prämissen deutschen (Regie-)Theaters fällt es schwer, eine andere Form der Aufführung vorherzusehen



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als die Umerziehung des Stückes zu einem schrill-didaktischen Aufschrei gegen das Patriarchat, mit einer am Ende triumphierenden Mencía über der Leiche des Gutierre.

So wie etwa die üblich gewordene Zwangsbekehrung von Lope de Vegas Fuenteovejuna zu einem revolutionären Stück, während bei Lope der König Fernando II. es ist, der am Ende die gestörte Ordnung wiederherstellt. R.W. Fassbinder hat versucht, das Paradoxon zu leisten: sowohl konventionell dem ideologischen Gebot Genüge zu tun als auch der Verpflichtung zum ,Theaterskandal‘. Der Ausgang seiner Bühnenfassung von Fuenteovejuna (Bremen 1970): Der König stiftet nicht Recht, sondern wird von den Dorfbewohnern zerstückelt – und aufgefressen.



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Zur Peinlichkeit solcherlei Bühnen-Plattheiten im Gewande der Provokation hat Hans-Magnus Enzensberger das Nötige gesagt, eindringlich, im Nachwort zu seiner Übersetzung von Calderons La hija del aire.30

Sollten wir nicht eher wagen, uns dem Stück El médico de su honra auszusetzen, einem Beleg der „Fremdheit und Nähe eines spanischen Barockdramatikers“31? So wie den Fremdheiten und Befremdlichkeiten des William Shakespeare?

Der Althistoriker Géza Alföldy hat Gedanken zu Glanz und Schatten der Antike formuliert, die auch hier hilfreich sind: „Licht und Finsternis sind nur durch ihren Kontrast zu begreifen, nur dann, wenn sie, durch klare Konturen getrennt, nebeneinander stehen, und nicht wenn sie in einem neutralen Grau zusammenfließen.“



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Alföldy verweist dann auf den Kontrast zwischen Höhenflügen des Geistes und Unterdrückung und Sklaverei. Er fährt fort: „So und nur so, mit der Kenntnisnahme dieses unauflöslichen Widerspruches, ist unser Bild von der Antike richtig und zugleich fruchtbar.“32

Was er schreibt, ist auch auf unser Thema anwendbar, auf das Siglo de Oro im Allgemeinen, auf El médico de su honra im Besonderen.

Betreutes Denken

In unseren Tagen werden Werke klassischer Literatur, auch der des Siglo de Oro, nicht nur mit Warnhinweisen versehen, sondern es häufen sich Fälle von Zensur. Durch das stillschweigende Tilgen von Sätzen oder Versen,33 durch entschärfende Eingriffe, veränderte Buchtitel,34 auch durch eigene Zusätze.35



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Hier sei betont, dass die für diesen Aufsatz verwendete Textausgabe der amerikanischen Hispanistin Carol Bingham Kirby aus dem Jahre 2007 höchsten Ansprüchen der Akkuratheit in Textgestalt und Kommentar entspricht.

In anderen Fällen jedoch sehen jene, die die jeweiligen Texte herausgeben oder übersetzen, ihre Bestimmung nicht darin, dem Wort zu dienen. Mit verschränkten Armen stehen sie vor dem Originaltext. Wer sich erkühnt, Einlass zu begehren, den verweisen die gate-keepers auf ihre eigene Fassung, zu unserer Betreuung und Erziehung bearbeitet, expurgiert, transformiert.

Bemerkenswert viele im Bereich der universitären Fachwissenschaften sind nicht nur nicht willens, dem die Stirn zu bieten, sie haben sich an die Spitze des Zuges



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gesetzt. Man denke etwa daran, dass das Beispiel par excellence, die Säuberung und Umarbeitung der ganzen Heiligen Schrift zur ,Bibel in gerechter Sprache‘, schon vor Jahren (2005) erschien, ins Werk gesetzt und exekutiert von einem Heer universitärer Theologinnen und Theologen. Scharfe Kritiken, die diese Reformation der Bibel damals auslöste, wie etwa die der Süddeutschen Zeitung von der „gesinnungsterroristische[n] Gerechtigkeitsbibel“,36 sind in unseren Tagen in vergleichbaren Fällen rarer und leiser geworden.37

Leserinnen und Leser, denen solche Bevormundung die Zornesadern schwellen lässt, tun gut daran, bei der Textauswahl Vorsicht walten zu lassen, gegebenenfalls auf eine ältere Edition zurückzugreifen. Denn Eingriffe waren zwar früher akzeptiert, wenn sie Unterhaltungsliteratur und Schulausgaben betrafen oder der Adaption von Literatur für Jugendliche galten,38 im Hinblick auf die Lektüre Erwachsener dagegen galten sie als Frevel.



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BIBLIOGRAPHIE







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Wurm, C., Alonso de Contreras, Mein Leben. Erste ungekürzte und unzensierte Übersetzung ins Deutsche. Mit Kommentar, München 2012.

Wurm, C., Narziss in Madrid, The Carolingian 2021/II.







REFERENZ


Dieser Aufsatz befindet sich auf Folium IV, 2022 I, von The Carolingian, und besteht aus 44 Schnitten (sections). Für Referenzzwecke wird folgende Zitiermethode mit Beispielen empfohlen:

Nachname, Vorname: Titel (The Carolingian, Ausgabe, Folium, Schnitt, Link), Besichtigungszeit.

Vollständig: Wurm, Christoph: Der Arzt seiner Ehre. Liebe und Ehre in Calderóns El Médico de su Honra (The Carolingian 2022 I, fol. IV, sec. 12-13: thecarolingian.com/c22.html#f4), Aug. 2022.

Abgekürzt: Wurm, TC 2022 I, f-IV s-12-13 hic, Aug. 2022.














Folium V, 2022 I





Libertas In Periculo

DVM BELLVM GENTES VASTAT
PAVCA DE LIBERTATE SERVANDA

Gregorius Advena


ESSAY



Quattuor annos abhinc de senatu gentium scripsi. sententia mihi eadem est: copia populorum nequit pacem diu gerere. cum omnis gens libere sua negotia parat, insolentia ad discidia bellumque ducit. pax modo prospera cum lex est inter gentes, sed lex modo vera ubi omnibus est parendum. extant gentium institutiones ubi per legatos res ac casus inter nationes disputantur. saepe aliquid decernunt quod nonnullae res publicae non sequuntur. nam quod dicunt preces potius quam leges, neque ulla vis nationem quandam ad oboediendum cogit. ita fortiores agunt quodcumque volunt. exercitus nationum cura insolentiae sit. scilicet multa de re dicuntur. Nationes Unitae gerunt cohortem pacis, sed potentia minima est. nonnumquam de exercitu Europaeo oratio est, sed de condicionibus non est consensus. sunt



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etiam foedera militaria ut Foedus Atlanticum, sed non est pro omnibus gentibus neque unus exercitus. orbis pax uno senatu nationum eget. eo omnis res publica senatores a populo electos mittit. qui homines de rebus gravissimis de populorum pacis salutisque decernant. exercitum paratum habeant. nam si quae gens contraria agat, senatus vi interveniat. cui senatui solo potentissima arma erunt, nec liceat ullae genti sine concessu talia possidere. senatus exercitusque nationum custos populorum erit, ut ubique ius libertas dignitas maneat. consilio absente debilive tyrannus quisque facit ut libet. dictatores ac fautores rerum novarum contra libertatem populi rem publicam capessunt impunesque regunt, quippe qui homines nullum exercitum nationum timent, quod infirmos sine resistentia gentium



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oppressione gravant. inutile est cogitare res repente meliores fieri, aut tanta mala civilia foede quodam vel commercio mercium emendare posse. reges divitias commercii adhibent ad crudelitatem augendam. tempus advenit quo non iam verbis removentur sed solis armis. quis iudicet quam libera civatas esse debeat? senatus gentium.

Res iam diu animadvertitur: tyranni quidam cupiunt ordinem libertatis evertere. qui post duo dira bella factus iubet ius et hominum et gentium respicere. imperium non vis sed legis petit. sed res sese pessime habent: cum non licet civi magistratus legatos consules censere, ubi vivis? ubi verbum est tace et pare, ibi non res publica sed regnum. at vitam oportet agere ubi res populi res publica est quam a nullo novo Tarquinio capere liceat. oppressio multorum ubique orbis iram gentium arcessit. pauci sunt qui



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crudelitatem libenter videant. scilicet studium quoddam iuvandi in animo oritur. nam facultas iniquitatis vel ferendi vel ignorandi non est infinita. cum gens territa nequit vi et armis libertatem capere, finitimi regem expugnant. quod nunc reges agunt omnes vident: censores frangunt ac comprehendunt, alios in exilium mittunt, necant reliquos. extra limites per agentes nonnullos venenant. gentes inermes repente invadunt. insolentia magis magisque augente exercitum agunt iustisque caedem minantur. speculatores ubique mittunt instigatum liberos contra libertatem. olim navibus ibant, nunc utentur interreti. ita potentiores fiunt rex Russiae ac rex Sinarum. qui non nunc ipsum coeperunt vi imperitare. rei publicae omnis gentis satis tempus fuit ad intuendum qui essent quidque facerent. sed contra multorum consilium nostri maluerunt nihil



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agere et caece meliores dies exspectarunt quasi homines potentiae cupidissimi, re publica demum subiecta, aliquando libenter ad viam libertatis reverterentur. bona voluntas non sat est ad iustam pacem agendam. neque digna est pax sub iugo tyranni. quae libertatem diligunt gentes possunt atrocia quiete videre ac tacere. demum hostes fortiores eas cogent, quia noluerunt impedire. sed possunt quoque arma capere vique reges removere. periculum huiusmodi belli est excidio multarum gentium per arma potentissima. optio est inter orbem paucorum liberorum aut servorum multorum. magna mala initio parva sunt. facile fuisset illum regem Russiae prohibere cum novissimus erat, idem de Sinis. sed naturae humanae est pigra spes ac simplicitas animi. cum prima facinora facta



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sunt, liberi ea pro parvis duxerunt. dixerunt regulos mox ad rationem redituros, bonam gentium voluntatem sat esse. quae non acta sunt, quod illi homines a principio mala fide imperitabant. quorum causa nec lex nec libertas, divitiae modo ac potentia. paulo postquam magistratum ceperunt consilia vera sua patuerunt. qui tum noluerunt eis obviam ire nunc mala praestant. inertia bonorum saepe malorum vecordiam auget. magnae partis est sua mala animadvertere cum iam non sananda sunt. immodici pro suo commodo patientia modicorum abutuntur. imprimis censorem hunc et illum necant. dein legem quandam pro suo bono quiete mutant. paulatim alias edicunt ut facinora speciem iuris habeant. simulato suffragio magistratum tentent quasi libere electi. electores alios decipiunt, cogunt alios, multos



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corrumpunt obviamque euntes minantur comprehendunt interficiunt. denique per potentiam ad impunitatem veniunt. ulterius freti potestate finitimos intuentes infirmis bellum inferunt. ita Putin rex, postquam populo ac gentibus rationes fictas reddidit, res gestas imitans Ucrainam contra ius gentium invasit. quam iniquitatem omnes praestamus, et civitates et cives. vidimus tacuimus. si tempore opportuno vera severa locuti essemus, si gentes primis malis factis arma cepissent, nunc necesse non esset cogitare vel gravioribus uti. utinam res nefariae quas ferimus futuros plura doceant quam didicimus.

Nonnulli armorum periculum timent. quae nunc arma signo dato non modo milites, verum etiam oppida magna vastant. ita Hiroshimae Nagasakique evenit. sed ne metus ipse



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arma fiat, honestis nihilominus pugnandum est. nam peius nostri morte est ruina nostrorum libertatis. Graeci severi erant. mortem ipsam non malum esse dicit Socrates, potius vitam sine virtute. neque oportet servare vitam cum libertas non servatura, quia omnium libertati maius est pondus quam paucorum vitae. si necesse est liberi moriamur, mors liberorum dignior est vita servorum. nam quid est vita, quaeso, ubi loqui non licet? nonne melius sit mori? si hae sunt res novae quas novi reges cupiunt, quod soli reges dicant quid cogitent civesque tacentes pareant, id non est homines esse sed asinos. nec per saecula nostrae gentes signum libertatis ac dignitatis tulimus quae nunc insolentiam regum feramus. igitur si tyrannus nobis fortior decreverit oppida nostra vastare, age libenter moriamur,



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non ut plangentes ignavi, sed laeti. ubi fortuna est ruina liberorum, mors quam ferimus non est damnum sed gratia. neque alio modo oportet inimicorum arma exspectare, etsi multorum excidio est.

Causa iustorum libertas est et civium et gentium. sed quae signum ferunt gentes nunc signo indignae sese habent. Americae nuper consul moratus est magistratum relinquere, dein populum in electos instigavit. iura civium conatus est minuere, censores omnes increpabat. ultra mare consul quas ne ipse quidem paruit leges decrevit. morbo grassante civem quemque iussit domi manere dum ipse comparabat convivium multis cum familiaribus. deinde senatum Britannicum veritate decepit contraque universam censuram poenis relatis magistratum tenuit. quem propter multo



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minora alius olim reliquisset. cum rem publicam suo commodo agitat, res populi res consulis fit. libertas scilicet alio modo colitur. Italia Galliaque a tribunis populi captae sunt, qui largitionem pollicentes modo, modo in gentem migratam orationes plurimas habentes primum cives adulantur dein defraudant. dum corruptas magna voce divitias reprobant, ipsi alienis opibus dives fiunt. Italiae fortasse mox consulatum capient, postquam Galliae vix amiserunt. populus ipse ubi litteras censuram gravitatem non colit libertatem pessum dat. Britanniae nuper tribunus quidam dixit quae Europae solvuntur opes publicas melius populo tribuendas. fuerunt qui crediderint, nam quaedam veritas est in dicendo mundum decipi velle. omnis gens libertate sese optime habet, sed necesse est populus eam



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velit. qui nisi doceatur libertatem diligere nescit quantam dignitatem amittat sub regni iugo. hostes libertatis homines habiles sunt. impetum in rem publicam non manifesta manu faciunt, quem si populus videret suam rem servaret. pro eo sese populi amicos ostendunt, quorum res non est publica, sed privata. nam per populum capiunt rem publicam contra populum. quae gens re publica direpta putat consulem dilectum eligere dum re vera regem creat. ita gens Sinarum plaudit tyrannos pro populo de populi causis cogitantes, quasi non esset natura officium omnis civis per se ipsum de suis rebus decernere. nullus homo tam sapiens est ut ei caece omnia tua relinquas. sed regis est populum persuadere sua negotia non ipsum gerere. itaque quos omnes videmus populi raptores a suis raptis patres populi



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putantur. sed populus non eget patre quod res publica non est familia. res patris matris filiique recte privata vocatur neque oportet eam extra domum imitari. filius patri vitam omniaque debet nec liber est ad ignorandum, dum libertas conditio est qua cives alius alio nihil debent. ergo officium libertatis non est e re publica familiam privatam facere, sed communem dignitatem ex alienorum vita negotiaque. quae dignitas non oritur per regem quendam ut patrem parendum, verum per cives alienos alios alios audiendos ne cuiusdam ius laedatur. quod ius natura datur, non a patre. dignitas est usus libertatis ut civis civem cognoscat, omnes communia negotia agitent resque dubias consilio potius quam vi gerant. ita decreta per populum ac pro populo, etsi interdum difficilia latu, saltem proba sunt. verum decreta



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pro populo sine populo consulto, etsi optima, semper improba, nam omni civi ius cogitandi loquendi censendi tollunt. ius loquendi est sacrum, quia natura nos fecit ut cogitando vitam ageremus. necesse est libere loqui ad vitam bene agendam, ut alii sciant quid tibi placeat ac noceat. regem tuam vitam pro te ipso agere contra naturam est.

Dignitas servanda est. nunc omnis hominis liberi officium est rem publicam a periculo prohibere, armis ac manu victoriam iuvare ne novi reguli libertatem ex honestis eripiant. qui homines res populi evertere cupiunt bellumque alibi faciunt omni modo sunt removendi ac gravissimis poenis puniendi. adhuc liberos oportet scelera in cives ac gentes vehementer damnare nec prius tacere quam hostes libertatis defendantur. nam libero non licet tacere cum pro tacitis multis loquendum. exhortor gentes arma capere,



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non cives. inspectis Russiae condicionibus frustra esset civem privatim ad arma ire. omnem dico hominem ad officium vocatum, sed non sua sponte, potius per cuiusdam gentis exercitum.

Lex ac libertas duae facies ipsius rei. deinde duae res intuendae, altera lex vera, altera falsa. vera cum e libertate civium oritur, a solo rege decreta falsa. e libertate oritur cum cives voluntarius consulunt, ipsi aut per electos. igitur vera lex est moderatio libere decreta civium libertatis. reliquae non leges, sed species. officium civis est fidem erga legem veram servare. igitur omnis civis solutus est fide erga legem falsam – quae ne lex quidem est. illius Putin nunc potentia decretis nititur quae nomen legis non merentur. civis de fide exemptus est. fuerunt qui privatim cives arma in regem



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ceperint. quae res Galliae evenit anno 1792, 1917 Russiae, etiam alibi. nec contra legem egerunt, quod leges non erant verae. Hitler regnante omni decreto species erat legis, omne scribebatur, species senatus consulebatur. ita Scholl frater cum sorore 1944 res nefarias censentes pro lege quodam capitis damnati sunt. idne legem vocas? species libertatis modo speciem legis scribit. quod Americae iudices de abortione decreverunt reprobo, sed creati sunt a consule per populum electo. ergo decretum per populum factum est. non hortor cives Russiae Sinarumque privatim ad arma, non quia more ac natura non liceat, sed quia singuli nequiverint. Caesar dictator in senatu interfectus est. quod pro libertate factum est rem publicam non servavit, attamen recte factum, nam non est liberorum dignitati decreta tolerare sine senatu consulto. nunc et olim Caesarem nolumus.














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